In Finnland geht die Zahl der Obdachlosen kontinuierlich zurück, bis zum Jahr 2027 soll es keine Obdachlosigkeit mehr geben. Das Geheimnis hinter diesem Erfolg: das „Housing First“-Konzept, das Obdachlosen ohne Vorbedingungen eine Wohnung und Unterstützung bietet. 4 von 5 Personen schaffen so den Sprung aus der Obdachlosigkeit. Und: der Staat spart dabei.
Finnlands Kampf gegen die Obdachlosigkeit
Die finnische Regierung arbeitete bereits in den 1980er Jahren daran, Obdachlosigkeit zu bekämpfen. Doch insbesondere die Langzeitobdachlosigkeit blieb weiterhin ein Problem. Traditionelle Notunterkünfte und kurzfristige Lösungen erwiesen sich als ineffektiv. Denn klar wurde, dass diejenigen, die Notunterkünfte nutzen, in der Regel obdachlos bleiben.
„Wir mussten die Nacht-Unterkünfte und Kurzzeit-Unterbringungen abschaffen, die wir früher hatten. Sie hatten Tradition in Finnland, aber jeder konnte sehen, dass sie den Menschen nicht aus der Obdachlosigkeit geholfen haben“, sagt Juha Kaakinen, Leiter der Y-Foundation
Im Jahr 2008 beschloss die Regierung, die Strategie zu ändern und auf das „Housing First“-Konzept zu setzen. Ziel ist, die Obdachlosigkeit bis 2027 zu überwinden. Helsinki ist noch ambitionierter: Hier soll Obdachlosigkeit schon 2025, also bereits nächstes Jahr, Geschichte werden.
Zentrale Akteure für dieses Konzept sind NGOs wie die Y-Foundation. Sie bekommt vergünstigte Kredite vom Staat und kauft damit Wohnungen und Häuser, die zu langfristigen Unterkünften für Obdachlose umgestaltet werden. Auch bei privaten Banken nimmt die Y-Foundation Kredite auf, die dann mit Mieteinnahmen zurückgezahlt werden. So konnte die Y-Foundation zum viertgrößten Vermieter in ganz Finnland werden. Mittlerweile verwaltet die NGO 19.000 Wohnungen, von denen 7.000 Wohneinheiten für Obdachlose zur Verfügung gestellt werden.
Vier von Fünf Betroffenen überwinden die Obdachlosigkeit
Bemerkenswert ist die hohe Erfolgsrate des „Housing First“-Modells in Finnland. Vier von fünf Menschen, die dieses Programm nutzen, behalten ihre Wohnung langfristig und führen ein stabiles Leben. Dies macht sich eindrücklich in der Gesamtstatistik bemerkbar: 2022 gab es bei einer Bevölkerung von ca. 5,5 Millionen Einwohner:innen nur noch 3.686 Menschen ohne Wohnsitz. Dies sind 262 Personen weniger als noch 2021.

„Housing First“: So funktioniert das Erfolgsmodell
Beim „Housing First“-Ansatz erhalten Obdachlose eine Wohnung, ohne dass sie vorher bestimmte Kriterien erfüllen müssen. Besonders profitieren davon Menschen mit psychischen Problemen und Suchterkrankungen. Denn bei klassischen Modellen müssen diese Menschen meist ihre gesundheitlichen Probleme lösen, bevor sie Unterstützung erhalten, was für viele eine unüberbrückbare Hürde darstellt.
Bei „Housing First“ hingegen wird den Betroffenen zuerst ein Zuhause zur Verfügung gestellt, sodass es ihnen dann leichter fällt, sich um Arbeit und Gesundheit zu kümmern. Außerdem stehen den Menschen Sozialarbeiter:innen zur Seite, um bei Anträgen auf Sozialleistungen und anderen Problemen zu helfen. Bei „Housing First“ erhalten die Betroffenen daher nicht nur eine Wohnung, sondern auch andere Formen von Unterstützung.
„Die Y-Foundation arbeitet dabei stets mit anderen Stellen zusammen. Wir stellen den Wohnraum zur Verfügung. Unterstützung, Beratung, Sozialleistungen und anderes stammt dann von den Wohlfahrtsbezirken und anderen Organisationen.“, sagt Juha Kahila, Leitkoordinator bei der Y-Foundation, in einem Interview mit Kontrast.at

Kostenersparnis für Finnland
Obwohl die Bereitstellung von Wohnraum Geld kostet, ist es kostengünstiger, Menschen langfristige Unterkünfte zu bieten, statt sie auf der Straße zu lassen. Die Einsparungen resultieren aus weniger Bedarf an Notdiensten, Polizeieinsätzen und rechtlichen Maßnahmen. Finnland spart mit „Housing First“ so etwa 15.000 Euro pro betroffener Person.
„Sobald Menschen ein Zuhause und die Hilfe haben, werden die Mittel, die man für die anderen Unterkünfte und Dienste benötigt hat, frei. Außerdem werden die obdachlosen Menschen auf lange Sicht wieder Steuerzahler:innen – aber das haben wir in unserer Rechnung noch gar nicht mit berücksichtigt.“, erklärt Juha Kahila
Die Rolle der finnischen Regierung
Die finnische Regierung hat das Projekt 2008 ins Leben gerufen und dabei nicht-staatliche Organisationen wie die Y-Foundation mit ins Boot geholt. Seit 2023 sitzt nun jedoch eine konservative Partei an der Regierungsspitze. Sie plant bestimmte Sozialleistungen zu kürzen, wobei insbesondere Zuschüsse für Wohnungen gefährdet sind.
Da die Y-Foundation allerdings über die Jahre zu einem zentralen politischen Akteur herangewachsen ist, ist davon auszugehen, dass das Ziel der Beendigung der Obdachlosigkeit in Finnland bis 2027 erreicht werden kann – und das trotz konservativer Regierung.
Ende der weltweiten Obdachlosigkeit
Finnlands Erfolgsmodell hat bereits weitere Staaten und nicht-staatliche Organisationen inspiriert. Beispielsweise gibt es bereits in Dänemark und Österreich ähnliche Projekte, die das „Housing First“-Modell anwenden. Dies macht Hoffnung, dass ein Ende der weltweiten Obdachlosigkeit in Sicht ist. Nicht nur würden davon die vielen Betroffenen profitieren, sondern auch der Rest der Bevölkerung. Denn Finnland zeigt: Die Überwindung der Obdachlosigkeit ist nicht nur menschlich, sondern auch ökonomisch wertvoll.




